Zakopane,Polen 2012

Häuser haben spitze Dächer. Schnee findet dort keinen Halt und in den Giebeln, wo warme Luft sich sammelt, die Schlafzimmer. In der Fußgängerzone reihen sich Cafés und Restaurants aneinander, am Ende der Fußgängerzone der Markt, Menschen mit Zeit, schweifende Blicke. Besonders beliebt im Winter: dicke handgestrickte Pullover aus Schafwolle, Mützen und Handschuhe. Im Sommer sitzt man draußen, trinkt Bier oder schlendert mit einer Getränkedose in der Hand an Schaufenstern entlang. Das ganze Jahr beliebt sind wuschelige Hunde in Pappkartons. Sie werden von jungen, bärtigen Männern verkauft, die immer eine Zigarette im Mundwinkel haben. Heute sind die Berge sanft, Fenster geöffnet, Wäsche trocknet in leichtem Wind auf Balkonen, dünne Pullover liegen lose über Schultern, sind um Hüften gebunden. Du bleibst an Holzbuden stehen, drehst kleine Porzellantassen und Holzschnitzereien in Deinen Händen. Ich bin geduldig, die Berge lenken mich ab, der Wunsch nach einem Gipfel. Ich stelle mir das Geräusch eines kullernden Steins vor, und dass die Luft kalt und klar ist. Wie sich nach dem Aufstieg langsam die Atmung beruhigt. Auf einen Felsvorsprung würde ich mich setzen, die Beine hängen müde über der Tiefe, den Rucksack habe ich abgesetzt. Kleidung klebt auf der Haut, der Wind trocknet den Schweiß, es wird kühl. Ich balle die Hände in meinen Taschen zu Fäusten. Du hältst mir einen Nussknacker vors Gesicht, er sieht aus wie Stalin. "Schau mal, wie schön" sagst Du und ich nicke nur. Nicht weil ich Stalin schön finde. Bis ich von meinem Felsvorsprung wieder bei Dir ankomme hast Du Stalin schon bezahlt.

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse. Du trägst ein langes Kleid mit Blumen, rot in rot. Eine von diesen Ketten, die immer im Weg sind, wenn Du Dich über den Tisch beugst, die im Bier hängen, im Kaffee, in Schlagsahne. Ich stopfe Stalin eine Walnuss in den Mund und drehe an dem Griff an seinem Hinterkopf. Die Nuss zersplittert völlig. "Vielleicht hätten wir doch Gorbatschow nehmen sollen" sagst Du. Lächelst. Lehnst Dich zurück, legst die Füße hoch. Siehst in die Berge. Ich sehe auch in die Berge, greife nach meinem Bier. Ob Du weißt, wie es da oben in den Hütten riecht, wie eine heiße Suppe dort oben schmeckt, wie es sich anfühlt, hinab zu sehen? Wie es sich im Zelt übernachtet, wie der Wind klingt, wenn er sich um die Gipfel schiebt und wie Sterne in tiefschwarzen Nächten funkeln? Du hast über die Berge immer so gesprochen, als könntest Du, wenn Du nur wolltest. Du hast immer gesagt, leise und zwischen den Zeilen: "Wenn Du es willst, dann gehe ich mit Dir da hoch. Ganz hoch." "Geht´s Dir gut" fragst Du, fütterst Stalin mit einer Nuss, drehst, suchst das Essbare in den Splittern und reichst es mir. Ich nicke, nehme einen Schluck, frage mich, ob ich mich daran gewöhnen kann, hier unten zu sitzen. Der Wind wird hinunterfallen bis ins Tal und man kann auch hier die Sterne sehen. "Wo fahren wir als nächstes hin", frage ich Dich. Du zuckst mit den Schultern: "Ist mir egal", sagst Du. "Budapest, Lemberg, vielleicht Danzig."